Haarschnitt in Kambodscha

manueller Haartrimmer - Kambodscha

Ein neuer Haarschnitt gefällig? - Diese Frage lässt sich Tobi nicht zweimal stellen. Wir sind gerade mit dem Roller unterwegs, eine kleine Abwechslung zum Fahrrad, als er aus einem Wellblechschuppen an der Ecke angesprochen wird. Haircut?

 

Tobi nimmt am Frisierstuhl Platz welcher mich, Caro, eher an ein Folterinstrument aus einer Zahnarztpraxis des 19. Jahrhunderts erinnert. Der Boden ist mit einem Teppich aus echtem Naturhaar bedeckt, in schwarz versteht sich.


Der schlafende Max und ich machen es uns auf der Holzpritsche am Dorfplatz bequem. Um uns herum läuft das normale Leben Kambodschas ab. Roller fahren vorbei, Leute shoppen im hiesigen Einkaufszentrum, welches aus einem Sammelsurium von Wellblechhütten und 

und Ständen besteht. Hinter mir befindet sich ein Fußpflegesalon. Neben uns ist eine laute Baustelle.

 

Eine hübsche Kambodschanerin gesellt sich zu Max und mir, schaut Max eine Weile beim schlafen zu und bohrt dann seelenruhig und völlig ungeniert in ihrer Nase herum. Als sie das Objekt ihrer Begierde endlich auf Ihrem Nagel hat, schnippt sie den Popel achtlos in unsere Richtung. Danach geht sie ihres Weges.

 

Nach diesem verstörenden Augenblick wandert meine Aufmerksamkeit wieder zu Tobis Haarkünstlern, die ihn hochkonzentriert umrunden. Zuerst darf eine Frau ran. Sie benutzt einen manuellen Haartrimmer, womit der Friseurberuf als Handwerkszunft für mich wieder einen ganz neuen Stellenwert bekommt. Das, was die Dame da vollzieht, ist echte Handarbeit am Kopf. Mich erinnert es eher an das Schafe scheren in der Mongolei. Im dem Fall hier, handelt es sich aber um Tobis Kopf. Die untere Hälfte dieses Geräts sieht aus wie ein Kabelschneider und die Obere wie ein elektrischer Rasierer. Beim Zusammendrücken der Griffe greifen die scharfkantigen Zacken ineinadner und schneiden die Haare vom Kopf. Mindestens 20, maximal 50 Haare lösen sich pro Schnitt, das ergibt bei durchschnittlich 100.000 Haaren pro Kopf, eine ungeahnte Sisyphusarbeit. Von einem gleichmäßigen glatten Scherenschnitt sind wir weit entfernt.

 

Mittlerweile ist Max wieder wach und wir haben uns neben Tobi gesetzt. Hinter ihm bekommt ein kleines Baby den Kopf geschoren und brüllt sich die Seele aus dem kleinen Leib. Max bekommt Angst, dass er der Nächste sein könnte und rutscht quengelig auf meinem Schoß herum.

 

Auch für die wartenden Kunden, die schaulustigen Freunde und die gelangweilten Azubis ist während Tobis Haarschnitt bestens gesorgt. Sie dürfen sich kambodschanische Boxkämpfe im Fernsehen anschauen.

 

Nachdem die Frau mit der „Vorarbeit“ fertig ist, darf der Meister ran. Er vernichtet mit dem elektrischen Haartrimmer in wenigen Sekunden, die anspruchsvolle Schnittkunst der Vorgängerin. Nachdem, der sogenannte „Unterschnitt“ bei Tobi dann im Nachgang perfekt sitzt, wird noch das Hauptwerk - Tobis kunstvoller Haarknoten auf seinem Hinterkopf - gekonnt gekürzt. Freestyle versteht sich. Nur die Asiaten verstehen diese Kunst des Zopfabschneidens. Ohne Scham, ohne großen TamTam, einfach ab. Haare nach oben zusammengehalten, Länge bestimmt und schon sind die Haare 20cm kürzer. Danach wird hier und da noch künstlerisch nachgeschnippelt und die letzten zu langen Härchen gesellen sich zu ihren, am Boden liegenden, Freunden. Der „Udo Walz Kambodschas“ nickt mir vielsagend zu, und gibt mir so zu verstehen, dass sein Meisterstück beendet und das Werk vollbracht ist.

 

Zu einem anständigen Männer-Haarschnitt in Asien gehört auch noch eine ordentliche Naßrasur. Nur was hier Premiere ist, ist, dass dieser gutaussehende 51Jährige "Meister der Haare" - erkennbar an seiner kunstvoll initierten, auf der Stirn anliegenden, gelockten Haarsträhne - dabei auch noch Tobis Ohren einrenkt. Was komisch klingt, fühlt sich anscheinend auch komisch an. Ein fester Griff am Ohr und schon knackt es irgendwo zwischen Koteletten und Ohrmuschel. Wir werden in den nächsten Tagen beobachten, welche Auswirkungen diese Technik bei Tobis neuen Elefantenohren hat. Nach einer knappen Stunde jedenfalls sitzen Bart und Frisur und Tobi wird mit einer, bei asiatischen Barbern so üblich, laut klatschenden 30 Sekunden langen Nacken- und Kopf-Massage entlassen.

 

Eine Rundumbehandlung für 3 US-Dollar.

 

Zum Glück hat sich Tobi für den „Best Haircut in Town“ entschieden. Wer weiß, was beim Konkurrenten „Rasi Hair Cut“ von nebenan herausgekommen wäre, der seinen „Good service“ preist und hinterher eine Massage anbietet. Vielleicht als Wiedergutmachung für eine versaute Frisur? Eigentlich gar keine schlechte Idee...

 

P.S.:

Vielleicht wäre Caro nach so einer Sonderbehandlung auch nicht aufgelöst im "My Armenian Café" in George Town aufgetaucht, als sie damals von einem Friseur für 1 US-Dollar optisch verunstaltet wurde... aber das ist eine andere Geschichte.

 

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